Christian Fürchtegott Gellert: Abendstille
Herr, der du mir das Leben
Bis diesen Tag gegeben,
Dich bet ich kindlich an!
Ich bin viel zu geringe
Der Treue, die ich singe,
Und die du heut an mir getan.
Mit dankendem Gemüte
Freu ich mich deiner Güte;
Ich freue mich in dir.
Du gibst mir Kraft und Stärke,
Gedeihn zu meinem Werke,
Und schaffst ein reines Herz in mir.
Gott, welche Ruh der Seelen,
Nach deines Worts Befehlen,
Einher im Leben gehn;
Auf deine Güte hoffen,
Im Geist den Himmel offen,
Und dort den Preis des Glaubens sehn!
Ich weiß, an wen ich glaube,
Und nahe mich im Staube
Zu dir, o Gott, mein Heil!
Ich bin der Schuld entladen,
Ich bin bei dir in Gnaden,
Und in dem Himmel ist mein Teil.
Bedeckt mit deinem Segen,
Eil ich der Ruh entgegen;
Dein Name sei gepreist!
Mein Leben und mein Ende
Ist dein; in deine Hände
Befehl ich, Vater, meinen Geist.
– Christian Fürchtegott Gellert –
aus: Sammlung Geistliche Oden und Lieder
Gemälde von Gottfried Hempel, 1752
* 04.07.1715, Hainichen (Sachsen), Deutschland
† 13.12.1769, Leipzig, Deutschland
Christian Fürchtegott Gellert, wuchs zunächst als fünfter Sohn einer Pastorenfamilie in ärmlichen Verhältnissen auf, besuchte aber ab 1729 die Fürstenschule St. Afra in Meißen. 1734 nahm Gellert an der Universität Leipzig sein Studium auf, das er 1739 aber aus Geldmangel für ein Jahr unterbrechen musste. Er schloss sein Studium 1744 mit einer Dissertation über Theorie und Geschichte der Fabel ab.
In der Sammlung Geistliche Oden und Lieder fasste Gellert 1757 seine Beiträge zu einer zeitgemäßen geistlichen Poesie zusammen. Die Lieder fanden weite Verbreitung; mehrere wurden von bedeutenden Komponisten vertont, andere sind mit einfacheren Melodien bis heute in kirchlichen Gesangbüchern enthalten.
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